VEREINSGRÜNDUNG
Im Jahre 1927 gründeten Mitglieder eines aufgelösten Boßelvereins den Schieß- verein Middelburg. Die Gründe für die Auflösung bzw. für den Wechsel der Sportart sind uns leider nicht bekannt.
Das genaue Datum ist ebenfalls nicht bekannt. Da in den Ostfriesischen Nach-richten für den 29. April zwecks Gründung eines neuen Boßelvereins in die Gaststätte „Zur Linde“ in Kirchdorferfeld eingeladen wurde, muss sich die Auflösung des Bosselbvereins bzw. die Vereinsgründung des Schießvereins im I. Quartal Jahres 1927 vollzogen haben.
Vierundzwanzig Mitglieder zählte der Verein bei seiner Neugründung. Diese kamen aus den Dörfern Kirchdorf (Middelburg), Popens, Schirum und der Stadt Aurich.
Erster und einziger Vorsitzender des Vereins in den Vorkriegsjahren war Lübbe Fleßner aus Popens, der am Kanal in unmittelbarer Nähe der Kleinbahntrasse, dem heutigen Ostfreisland-Wanderweg, seinen landwirtschaftlichen Betrieb bewirtschaftete. Söhne und Enkel des Mitbegründers sind heute im Schützen-verein Popens aktiv. Die Vereinskasse wurde von Friedrich Folkerts verwaltet. Die weitere Besetzung des Vorstandes ist nicht bekannt.
Bereits im Jahr der Neugründung konnte eine Vereinsfahne geweiht werden; zum Fahnenträger wurde Remmer Aden aus Schirum gewählt.
Über eine Schießsportanlage hat der Verein bis zur Einstellung des Sportbetriebes nicht verfügt. Geschossen wurde in der Gaststätte Ahrends mit Luftgewehren; als Geschosse dienten Stahlbolzen. Wettkämpfe wurden wegen mangelnder Konkurrenz nicht bestritten.
In den Jahren 1927 bis 1934 wurde alljährlich ein Schützenfest, von den Schützen Sommerfest genannt, abgehalten. Bis 1930 wurde das Festzelt in unmittelbarer Nähe der damaligen Fleischmehlfabrik, dem späteren Wohngrundstück von Menno Freese, aufgebaut. 1931 und 1932 stand das Festzelt an der Leerer Landstraße auf dem Grundstück von Lübbe Saathoff (Lübbe „Schuster“). Erst in den Jahren 1933 und 1934 wurde das Sommerfest auf dem Grundstück der Gaststätte am Middelburger Weg gefeiert. Der Festumzug am Sonntag führte die Schützen jeweils nach Schirum. Mit von der Partie war immer die Blaskapelle Schirumer Leegmoor. Die Vereinsfahne wurde zum Sommerfest 1933 mit einer von Hinrich Koch, Schirumer Leegmoor, gefertigten Spitze mit Hakenkreuz versehen.
Neben den Sommerfesten veranstaltete man auch Winterfeste. Die öffentlich ausgeschriebenen Tanzveranstaltungen fanden bei Lührs in Schirum oder Peters in Großefehn-Felde statt. Den inzwischen an die Macht gekommenen Nationalsozialisten war das Schützen-wesen ein Dorn im Auge. So litt z. B. das 20. Deutsche Bundesschießen im Jahre 1934 in Leipzig sehr stark unter den von der totalitären Regierung vorgesehenen Einengungen und Vorschriften; mangelnde Beteiligung war die Folge. Eine dieser Vorschriften bezog sich auch auf das Tragen von Ehrenzeichen und Orden. Danach durften nur die von Reichregierung genehmigten Sportehren-zeichen getragen werden. Bei Zuwiderhandlung drohte Gefängnis bis zu einem Jahr oder Geldstrafe (Reichsgesetzblatt Teil I 1934 Nr. 52 Seite 101).
Der Deutsche Schützenbund sollte beseitigt werden und an seine Stelle trat schließlich ein Deutscher Schützenverband. Dieser bemühte sich in völliger Verkennung des Deutschen Schützengedankens, das deutsche Schießsportwesen in einen militärischen Wehrsport umzuwandeln, womit sich die Schützen nicht einverstanden erklären konnten. Im Jahre 1938 erfolgte dann die endgültige Auflösung des Deutschen Schützenbundes (Seine Neugründung erfolgte am 18. November 1951 in Köln).
Die letzten Aktivitäten des Vereins lagen im Jahre 1936. Am 14. März feierte man die Einweihung der neuen Betonbrücke über den Kanal und im Anschluss daran die Verlobung des Vereinskassierers Friedrich Folkerts. Auch an dessen Hochzeit am 3. Juli 1936 nahm eine Abordnung des Vereins teil. Danach trat man offiziell
nicht mehr in Erscheinung. Eine Auflösung wurde jedoch weder beschlossen noch bekanntgegeben.
Die Vereinsfahne erlitt ein trauriges Schicksal. Beim Eintreffen der Besatzungs-truppen wurden Fahnentuch, Fahnenstock und Fahnenspitze mit Hakenkreuz getrennt. Das Fahnentuch wurde im Garten von Jakob Folkerts vergraben, später wieder ausgegraben und, da als Fahnentuch nicht mehr erkennbar, als Feudel benutzt. Der Fahnenstock mit der Gravur „Germania“ wurde für die Herstellung eines Strauchbesens genutzt. Der Verbleib der Fahnenspitze ist ungeklärt.
Erst zu Beginn des Jahres 1960 war der „Dornröschenschlaf“ des Vereins beendet. Unter den 27 Vereinsmitgliedern bei der Neugründung vier Mitglieder, die bereits an der erstmaligen Gründung im Jahre 1927 beteiligt waren. Gerhard Kugelmann, gebürtiger Middelburger und in Popens wohnhaft, übernahm den Vorsitz für die kommenden 15 Jahre. Eine durchgeführte Sammlung ermöglichte die Anschaffung eines Luftgewehres. Geschossen wurde zunächst im Schankraum der Gaststätte auf einer Distanz von ca. 7 Metern. Gelegentlich wurde auch durch ein geöffnetes Fenster auf die im Freien befestigte Ringscheibe geschossen. Später wechselte man auf die Dresch-diele. Im Jahre 1961 wurde in Eigenleistung ein Teil des vom Gastwirt Onno Ahrends zur Verfügung gestellten Stallgebäude umgebaut und an der Südseite des Gebäudes durch Anbau ein offener Schießstand geschaffen. Der Schießbetrieb wurde von Anfang an intensiv betrieben. Geschossen wurde in den sechziger Jahren auf 12er Scheiben. Die Mannschaften bei Staffelkämpfen bestanden aus acht Schützen, die jeweils 15 Schuss abzugeben hatten. Bei Teilnahmen an den Kreismeisterschaften war man überaus erfolgreich; etliche Male wurde die Teilnahme an den Bezirksmeisterschaften in Emden erreicht. Der Erfolg von Vereinskönig Helmut Kronshagen beim Kreisköningsschießen im Jahre 1967 war der Auslöser für die bis heute durchgeführten geselligen Großveranstaltungen auf Kreisebene. Feierte man in Middelburg noch im kleinen Kreis, bedarf es heute schon Festhallen, um die alljährlichen rd. 600 Festteilnehmer am Kreiskönigsschießen unterzubringen. Mit den Kreiskönigen Gerhard Löschen (1987) und Hans-Ewald Meyer (1994) gelang es wiederum Middelburgern, die Ausrichtung des Kreiskönigsschießens nach Middelburg zu holen. Die zunehmende Zahl von Mitgliedern, darunter sehr viele Jugendliche, war im Jahre 1974 Anlaß für die Erweiterung des Aufenthaltsraumes. Bis 1975 war der Schießsport in Middelburg eine reine Männerdomäne. Erika Carstens stellte im Mai 1976 den Antrag auf Gründung einer Damenabteilung. Diesen Entschluß hat man in Middelburg nicht bereut. Die überaus aktive Abteilung konnte in der Vergangenheit unzählige sportliche Erfolge erzielen.
Ein regelrechter Schießsportboom entwickelte sich Anfang der achtziger Jahre. Jugendsportleiter Karljohann Schoon übernahm die Jugendabteilung und konnte nach kurzer Zeit bereits über 30 Jugendliche für den Schießsport begeistern. Der selbst überaus erfolgreiche Sportschütze widmete jede freie Minute seiner Freizeit den Jugendlichen. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Unzählige Erfolge auf Kreis-, Bezirks- und Landesebene wurden erzielt. Mit Ingo Fleßner erreichte erstmals ein Middelburger die Teilnahme an den Deutschen Meisterschaften. Middelburger Jugendliche hatten Stammplätze in Auswahlmannschaften Aufenthaltsraumes Kreis-, Bezirks- und Landesebene.
Unter Karljohann Schoon wurden die Middelburger Sportwochen eingeführt. In Zusammenarbeit mit dem Kreisfachverband Schießsport wurde erstmals in Ostfriesland ein Sommerbiathlon, ein Wettkampf mit Laufen und Schießen, durchgeführt. Höhepunkt seiner Laufbahn die Ausrichtung des „Tages der Jugend“ des Ostfriesischen Schützenbundes im Jahre 1986. Neben mehren Einzel- und Mannschafterfolgen in den verschiedenen Alterklassen konnte Gastgeber Middelburg den Gesamtsieg erringen. Urkunde, Wanderpokal und ein neues Luftgewehr der Marke Feinwerkbau im Werte von rd. 1.500,00 DM war der Lohn für diese hervorragende Leistung.
Die ständige Aufwärtsentwicklung des Vereins, inzwischen zählte man 100 Mitglieder, machte eine Erweiterung des Schießstandes erforderlich. 1995 begann man mit dem Bau einer neuen Schießhalle. Mit erheblichem finanziellen Aufwand und mehr als 4000 Arbeitsstunden wurde eine moderne Schießstandanlage geschaffen; die Einweihung feierte man im Mai 1996. Möglich war dieses Projekt auch nur durch die Unterstützung der Stadt Aurich und dem Landessportbund.Bis zur Schließung der Gaststätte Ahrends im Jahre 1997 trafen sich die Mitglieder regelmäßig dort. Die Monatsversammlungen und die Jahreshauptversammlung wurden im sog. Clubzimmer abgehalten. Im Jahre 1998 wurde der Aufenthaltsraum im Schießstand um die bisher als Garage und Hühnerstall genutzten Flächen erweitert. Auch der Einbau von sanitären Einrichtungen erfolgte bei dieser Baumaßnahme.
Neben dem Schützenfest im Monat Juni sind eine Radtour. ein Boßeln, das Saisonabschlußgrillen sowie das Nikolausschießen feste Bestandteile im Veranstaltungsprogramm. Über das Bessensmieten wird an anderer Stelle ausführlich berichtet.
Aber nicht der Schießsport prägte das Vereinsgeschehen. Mehr als zwei Jahrzehnte wurde unter der Leitung von Fritz Folkerts regelmäßig am Sonntagmorgen als Ausgleichssport gebosselt. Das Interesse an diesen Veranstaltungen führte sogar neue Mitglieder in den Verein. Das der Verein während seines Bestehens auch Handballgeschichte schrieb, wird an anderer Stelle ausführlich behandelt.Neben den sportlichen Aktivitäten beteiligen sich die Mitglieder aber auch an der dörflichen Gemeinschaft. Seit Bestehen der Kirchdorfer Behinderteneinrichtung „Lüttje Dörp“ ist der Verein die Vorbereitung und Durchführung des alljährlichen Sommerfestes dieser Einrichtung beteiligt. Die Teilnahme am Trauergottesdienst und anschließender Gedenkfeier zum Volkstrauertag ist für die Schützen Verpflichtung.Auch bei der Fertigstellung des Erweiterungsbaus der Pauluskirche in Kirchdorf legten die Mitglieder des Vereins mit Hand an; Pastor Straakholder revanchierte sich mit einem Arbeitseinsatz bei den Umbauarbeiten am Schießstand.
Die Arbeit in den dörflichen Vereinen wird ausnahmslos ehrenamtlich ausgeübt. Darüber hinaus waren Vereinsmitglieder immer wieder bereit, ehrenamtliche Mitarbeit in übergeordneten Verbänden und Sportbünden zu leisten. So waren bzw. sind unsere Mitglieder auf Kreis-, Bezirks- und Landesebene in unterschiedlichsten Funktionen tätig. Amtszeiten von mehr als 20 Jahren sind dabei keine Seltenheit; hohe Ehrungen wurden den Schützen dafür zuteil. Stellvertretend sei hier nur Hans-Ewald Meyer genannt, der erst kürzlich mit dem Susemiehl-Orden, der höchsten Auszeichnung des Ostfr. Schützenbundes, ausgezeichnet wurde. Aus- und Fortbildung von Sportleitern und Mitgliedern wurde stets intensiv betrieben. So verfügt der Verein neben geprüften Schießwarten, Sportleitern und Jugendleitern über zwei Ausbilder des Deutschen Schützenbundes die zur Erlangung der Jugendbasislizenz im Ostfriesischen Schützenbund tätig sind.
Die Technik machte auch vor dem Schießsport nicht halt. So kommen heute Luftgewehre und -pistolen von höchster Präsision zum Einsatz. Der Wert einer einzelnen Waffe liegt dabei bei rd. 2.500,00 DM. Spezielle Schießjacken, -hosen und -schuhe steigern die Leistungsfähigkeit unserer Sportschützen.
Ebenso hat die Elektronische Datenverarbeitung Einzug gehalten. EDV-Programme werden im Training und bei der Auswertung der Schießergebnisse eingesetzt. Schriftführer und Kassenwart wickeln ihre Amtsgeschäfte überwiegend am PC aus.
Sportliche Aktivitäten und ein reges Vereinsleben prägen den Verein. Langjährige Amtszeiten der verschiedenen Vorstandsmitglieder und langjährige Mitgliedschaften der Mitglieder bestätigen dies. Das der Schießsport auch mit zunehmenden Alter noch intensiv betrieben werden kann, beweisen unsere Alters-und Seniorenschützinnen und -schützen. In diesen Mannschaften sind noch Mitglieder aktiv, die bereits bei der Neugründung im Jahre 1960 dazugehörten.
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